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Marina Stade


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BISONJAGD
27. August 1989

Der Trommelwirbel ging los, mich überrollend, ich sehe die Landschaft um den Krebssee, ich war früher oft dort mit meinem Hund. Ich laufe um den See, springe hinein in das Wasser, Joster am Ufer hin und her laufend, er ist nicht ins Wasser gegangen, obwohl er doch wassersüchtig ist und immer ins Wasser geht, sobald sich Gelegenheit bietet, hin und her laufend Joster am Ufer, mir nachwinselnd, ich denke, ich muss ihn verlassen, das ist so, es tut ihm weh, auch mir ein wenig vielleicht, aber das muss so sein, darum ist es nicht schlimm, Joster muss in den Wäldern bleiben. Ich weiß nicht so recht, was nun, schwimme im Kreis, dann tauche ich, und sehe, der See ist ein riesiger Trichter, die Wände des Sees sind wie in Streifen lauter unterschiedlichen Erdschichten, schöne Farben, Sandfarben braun, orange, gelb - weiche, erdene Farben. Immer tiefer und tiefer schwimme ich in den Seetrichter hinein. Ich schaue und staune, da sind einige wenige Pflanzen, wie Farne oder Algen, sie schwingen weich und grazil mit der Bewegung des Wassers, und auch ich schwimme ganz leicht und weich immer tiefer bis zur Trichtermündung.
Und dann bin ich in meiner Grotte, bin auf dem Boden der Grotte, wie hingefallen, fühle den trockenen Sand unter meinen Händen, die Wände sind Fels. Und da sind sie wieder, die Felsbilder, diese sich auf den Felswänden lang hinziehenden großen Tierkörper in erdigem Rot, warmes, tiefes Rot, kein Orangerot. Ich sehe die Linien, die Schattierungen. Gestern noch glaubte ich, es könnten Stiere sein. Aber es sind nicht Stiere, es sind Bisons, uralte, massige Tiere. In den Körpern eine so kraftvolle geschmeidige Bewegtheit trotz dieser Masse. Da ist nichts Plumpes oder Träges. Der ganze Körper eine einzige Sehne. Mit meinen Händen streiche ich über die Bilder, meine Hände atmen die Bilder, ein Gefühl von Weite und Größe. Es riecht nach Kraft und nach einer anderen Welt in einer anderen Zeit.
Plötzlich fühle ich: Alles an mir schrumpft zusammen, alles wird eingezogen, zusammengezogen, als wäre auf mir ein solcher Druck, dass die Haut, das Fleisch in sich zusammenschrumpfen muss, immer mehr und mehr ist es, was an meinem Körper eintrocknet. Und dann sehe ich, ich bin ein Skelett. Richtig so eine Gestalt, wie wir sie hatten im Biologieraum, ein Knochengerüst mit Totenschädel. Ich bin entsetzt, wie soll ich das aushalten, ich bin kein menschliches Wesen, nur ein Knochengerippe bin ich, ich will in Panik geraten. Doch dann denke ich, es ist gar nicht schlimm, es ist so, wie es ist, nun bin ich alles los, es gibt nichts mehr, womit ich etwas vormache, es sind die blanken Knochen, ich bin in einer knöchernen, klaren, kalten Welt, ich kann nicht fühlen, ich bin Fels, ich bin Felsbilder, ich bin Knochen.
Ich laufe durch die Gänge der Höhle. Sie werden schmaler. Da sind auch andere Skelette, die herumlaufen, sie stören mich nicht weiter, sie sind eben da, ich treffe auf ein paar, wir sitzen zusammen und gehen auch schon wieder auseinander. Mein Skelett-Ich ist immer in Bewegung, es schaut da und dort, so ruhelos schaut es, eine stetige, fühllose Unrast, die das Skelett-Ich treibt, und es ist alles so erbarmungslos klar, so ohne Fühlen.
Da ist eine Katze, ganz weiß mit einem einzigen, nicht sehr großen, schwarzen Fleck. Sie umschnurrt mich, läuft um meine Knochenbeine, als wolle sie sich einschmieren bei mir, wolle da sein für mich. Ich schaue auf das Tier, das weiße, hinunter und denke, was soll das, was soll ich damit, das soll nicht mein power animal sein - eine kleine, weiße, sehnige Katze. Aber sie umschleicht meine Beine und läuft mit mir mit. Und ich denke, ach lass sie doch, läuft sie eben mit, sie stört mich nicht weiter, und irgendwann ist sie dann verschwunden.
Da ist ein kleiner Fluss, ich schaue in das Wasser, es ist dunkel, vielleicht schmutzig. Darauf treiben weiße Papierschiffchen, fast unansehnlich, so simpel, so banal, ja fast trist schwimmen sie dahin, manche nicht mal richtig aufrecht, sondern ein wenig gekippt. Ich gehe ins Wasser, laufe mit dem Wasser und sehe nun auch schwarze Papierschiffchen, sie sind noch trister, sehen sehr provisorisch aus, wie nur zufällig gemacht und zufällig daher schwimmend. Ich überlege, wie seltsam es doch sei, diese schwarzen und weißen Schiffchen, als hätten sie durch diese Farben Symbolbedeutung, irgendwas mit Tod denk ich noch. Aber weiter kann ich nicht denken. Es waren triste banale Papierschiffchen... Ich wate durch dieses Wasser, wate mit dem Wasser, und da wird es hell, das Wasser fließt zu einem Ausgang, strömt aus dem Ausgang raus, und, am Ausgang stehend, schaue ich über weites Land, schaue von oben auf die Wipfel riesiger Bäume, Bäume aus Urzeiten mit einem schweren, satten Blattgrün, dazwischen Nebelschwaden. Ich rieche diese Bäume, ich rieche diese Blätter in mich hinein, es ist wie ein Hineingezogenwerden in dieses Land. Ich stürze, lasse mich in die Tiefe fallen. Und mit dem Fallen fliege ich in ein anderes Leben, in eine andere Welt hinein. Übergangslos. Es ist der Klang der Trommel, dieser erbarmungslose Rhythmus der Trommel, der mich treibt. Und da ich in diese Landschaft hineinsprang, veränderte sich schlagartig alles, es änderten sich Raum und Zeit, mein Fühlen, meine Person.
Ich renne durch eine Savannenlandschaft - trockenes Land mit einzelnen starken Bäumen. Mein Körper ist der eines Mannes, mein Körper ist ein Wesen zwischen Mensch und Affe, wohl mehr Mensch, er ist stark, ist ausdauernd, um die Hüften eine Art Fell gewickelt. Und immer renne ich - Stunden, Tage, ein unendliches Rennen, gleichmäßig, anstrengungslos, ein Schritt wie der andere, der Körper fliegt im Rhythmus der Schritte. Und ich höre einen Klang, fühle, wie dieser Klang mich trägt, wie dieser Klang die Leichtigkeit meines Körpers ist. Und ich fühle den Ursprung des Klanges. Er kommt von über mir, von ganz weit über mir, von über dem Himmel, von weit aus dem Universum. Mein Kopf nimmt diesen Klang auf, mein Körper trägt diesen Klang, der der Rhythmus meines Laufens ist, der der Rhythmus ein jeder Zelle meines Körpers ist, der mein Lebensatem ist. Ich bewege mich zu diesem Klang, der Klang bewegt mich. Und der Klang wird durch mich auf die Erde getragen. Ich spüre, da ist ein Schatten an meiner Seite, keine feste Gestalt, es ist immer bei mir, während ich laufe, ich kümmere mich nicht weiter darum. Es ist Selbstverständnis - dieser Schatten an meiner Seite, so wie man einen Hund bei sich hat.
Und plötzlich ist Jagd. Mehrere Männer, eine Horde von Männern, fünf, sechs vielleicht, ebenso wie ich gekleidet, sie haben irgendwelche Waffen, Keulen, ich habe keine Keule, ich habe vielleicht eher so was wie einen Speer, sie rennen, ich renne mit ihnen. In der Luft ist Hetze, Hatz, Ekstase - ein sich überschlagendes ekstatisches Hetzen und Schreien, ein erbarmungsloser Kampf. Immerzu wurde gekämpft und gekämpft – gegen die Tiere, um die Tiere. Es musste gekämpft werden. Speere sausen durch die Luft, die geschleudert wurden und mit magischer Zwanghaftigkeit in die Leiber der Bisons treffen. Ganz kurz in mir Besorgnis um meinen Bison. Denn jetzt weiß ich es: Der Schatten an meiner Seite, das war mein Krafttier, mein mich begleitender Bison. Das darf nicht sein, dass mein Bison angerührt wird. Und da sehe ich ihn, ganz in der Ferne am Horizont als Schatten, ihm geschieht nichts, ihm kann nichts geschehen, er ist unverwundbar, er hat mit der Jagd nichts zu tun, er kann für die Jagd nicht benutzt werden.
Und dann ist alles vorbei, die Menschenwesen sind weg, ich bin allein in der Savanne. In mir das Sehnen nach MEINEM Bison, und da ist er - das Fell an den Beinen verfilzt und verdreckt, teilweise in Fetzen herunter hängend. Bison wächst regelrecht zu einem Berg vor mir auf, so hoch in seiner Gestalt, er legt sich auf mich, ich begreif nicht, was das soll, es schmerzt aber auch nicht. Es ist, als läge ein Berg auf mir, nichts Schweres, nichts Bösartiges, ein Berg von Kraft und Frieden und tiefem, wohligen GeborgenSein.
Dann ist Sturm, ein so entsetzlicher Sturm. Riesige Bäume werden samt Wurzeln heraus gerissen, Grasbüschel fliegen durch die Luft, aufgepeitschte Erde, aufgepeitschter Sand. Es ist die Zerstörung einer ganzen Welt, und es ist Kraft, eine ungeheure Kraft.
Ich liege auf dem Boden, halte mich an Bison fest, er liegt geduckt auf der Erde und lässt mit Gleichmut den Sandsturm vorübergehen, ich greife tief in das braune, zottige, dichte Fell hinein. Am Bauch meines Bisons, mich ganz dicht an ihn zerrend, kann mir nichts geschehen von dem Sturm, mein Bison ein Berg, mein Bison alles abhaltend.
Als der Sturm etwas nachlässt und nur der Wind noch säuselnd über die Savanne bläst, sehe ich vor mir eine große Wasserlache, der Wind pfeift darüber, und ich sehe, wie im Wind das Wasser austrocknet. Es sind einige wenige Minuten, aber ich höre im Pfeifen des Windes die Zeit, die Unendlichkeit der Zeit und damit ihre Auflösung. Und ich sehe, wie das Wasser mehr und mehr durch den Sturm verdunstet und wie sich im Boden Risse bilden, so wie es ist, wenn eine Pfütze austrocknet. Die Risse werden größer, sie breiten sich aus, sie werden zu Linien, ich verfolge die Bewegungen einer einzelnen Linie, sie teilt sich, läuft zweifach weiter, teilt sich wieder und wieder, verteilt sich in unzähligen Fäden. Ich sehe: der Wind ist die Zeit, und die Linien sind meine Leben, die geschehen werden und die geschehen sind. Die Linien formen sich dahin und dorthin, jede Krümmung, jede Windung, jede Geradheit ist Ausdruck eines Zustandes in einem dieser Leben. Viele Leben. Alle Generationen, die aus meiner Linie mir nachfolgen.
Da war das TrommelZeichen für zurück. Ich dachte, ich muss jetzt schnell zur Höhle zurück gehen. Ich rannte, Bison an meiner Seite, und kurz vor der Höhle streckte sich meine Hand zum Himmel aus, so lang gezogen wurde meine Hand, in der Luft lang gezogen, als würden meine Finger von der Luft aufgesogen, und aus dem Nichts der Luft wurde mir ein Ring übergestreift, als sei meine Hand ein Magnet, und der Ring müsse unbedingt an diesen einen Finger von mir. Dann war Schluss, wie aufeinander abgestimmt.

 

TARTAROSGESICHTE
24. Oktober 1989

In der Nacht vom Sonntag kam eine Reise, ohne dass ich sie wollte. Ich war scheinbar in einer permanenten Trance den ganzen Tag, kaum dass ich die Augen schloss, ging es los, es ging gar nicht anders, als dass ich im Zustande geschlossener Augen sofort Bilder sehen musste, das Dunkel hinter meinen Augen riss auf, wie ein Vorhang schob es sich beiseite, und es waren Bilder von einer solchen Klarheit, von einer solch merkwürdig fotografischen Präzision, wie ich sie in der Trommeltrance noch nie erlebt hatte. Es war eine völlig andere Welt, eine noch nie geschaute. Am Eingang einer riesigen Grotte - vielleicht zehn, zwanzig Meter hoch - fand ich mich, es war eine andere als die, die ich vorher kennen gelernt hatte. Der Fels über diesem Eingang reichte weit hinauf, es war kein Himmel zu sehen, es war Fels über Fels sich vor mir aufbauend, und es war grauschwarzes Gestein, es hatte eine so seltsame Dichte, es war in sich unentrinnbar, so wirklich. Menschen waren überall, einzeln verstreut, jeder so ganz mit seinem eigenen Sein beschäftigt, ohne Verbindung zu den sie umgebenden anderen Menschen, sie waren wie in sich versunken, ganz für sich seiend, ein mythisches VersunkenSein, ein mythisches Vor-sich-Hinschauen in ich weiß nicht was für Fernen, manche zufällig sich nähernd der Grotte, manche nur in der Nähe sich mit irgendwas beschäftigend, es waren übrigens alles schwarzhäutige Menschen.
Und da war ich auch schon in der Grotte. Da war ein großes Wasser, ein sehr breiter Strom, der gemächlich dahinfloss. Eine Negerin war auf einem Boot oder Kanu stehend, stakenderweise das Boot bewegend, doch auch so langsam, so ganz langsam, als hätte sie alle Zeit für sich, so langsam und bestimmt, ganz schwarz war sie, stabil gebaut, die Haare verdeckt unter einem Tuch, dass wie ein Turban vielleicht gebunden war, die Stirn frei, schön, hoch gewölbt, und da war auch dieses In-sich-Versunkensein, dieses In-ein-Nichts-Blicken, ich sah sie das Boot stakend vorwärts bewegen, und ich sah das Ufer des breiten Flusses.
Eine nicht überschaubare Ausdehnung hatte die Grotte in ihrem Inneren, eine Landschaft - majestätisch und in tiefer Ruhe, als sei die Zeit stehen geblieben oder als sei sie extrem verlangsamt. Alles sah ich in dieser fotografischen Schärfe, ich ging am Ufer entlang, ich sah mich eigentlich nicht, das fällt mir jetzt erst auf, ich sah mich nicht in Bildern, wie es beim Trommeln meistens der Fall ist, ich sah immer meinen BlickAusschnitt, meine Augen also gingen am Ufer entlang, als ob ich selbst vielleicht auf einem Kanu auf dem Strom dahinschweben würde, ja, so war es vielleicht auch, ich war auf einem Kanu, aber ich konnte das Kanu nicht richtig sehen und ich konnte mich nicht sehen. Meine Augen schwebten dahin und sahen am Ufer des Stromes die Bilder. Da war eine riesige Gestalt, zu deren Füßen ich mich plötzlich befand, aber zuerst wusste ich nicht, dass dies überhaupt eine Gestalt sei. Wie schwer es ist, zu beschreiben, was ich sah. Wenn die Bilder da waren, waren sie klar und scharf, aber sie brauchten ihre Zeit, bis sie sich mir zeigten in ihrer Größe und Absolutheit, als ob meine Seele die Zeit brauchte, um diese Bilder mit ihren wuchtigen Realitäten annehmen zu können. Da war etwas Riesenhaftes unter einem Tuch, und da war das Tuch plötzlich sich bewegend, und es kamen Fingerknöchel zum Vorschein, die waren so riesengroß, und während das Tuch sich beiseite schob und ich erkennen musste, dass dies Fingerknöchel, Teile einer Hand waren, bekam ich es mit der Angst zu tun, und ich wünschte mir so sehr Bison, seine Nähe, ich dachte, ich halte es sonst nicht aus, und dann konnte ich die ganze riesige Gestalt sehen, war sie groß, ich reichte der Gestalt vielleicht bis zu den Fußknöcheln, so groß war die Gestalt. Auf einem Thron saß sie, war böse und verkniffen, war ganz gelb, ein totes, ein schmutziges Sandgelb, alles vielleicht wie Pergament nur stofflicher, also nicht so pergamenten dünn, es war eine richtig räumlich existierende Gestalt, eine riesige Gestalt, und so ein entsetzliches Gesicht mit dicken, wulstigen Lippen, aber es war dumm, eine böse Dummheit, so als wäre sie sich selber über und darum darauf aus, andere Menschen zu schädigen, ihnen Böses zu tun, jahrelang trainiert darin, andere Menschen der eigenen Boshaftigkeit auszusetzen, sie damit zu konfrontieren, und an der eigenen Boshaftigkeit war er verhärmt, verdummt, so sah er aus, nur da sitzend, um Böses tun zu können, und in dieser Bosheit völlig verdummt - ein aufgeblasenes Bürokratengesicht. Ein bisschen beugte sich die Gestalt zu mir herunter, mir stockte der Atem, und ich dachte, wie schlimm die Gestalt sei, dass ich Angst hätte, und ich wünschte mir ganz nah meinen Bison, stellte mir die Nähe und Geborgenheit von Bison vor, und da hatte ich keine Angst mehr, die Gestalt erhob sich wieder, sie hatte gemerkt, dass sie mir nichts antun konnte, und ich wunderte mich darüber. Es war eine so große und mächtige Gestalt, und sie konnte mir doch nichts antun, die Boshaftigkeit an sich war in ihrer Dummheit so klein. Steif und starr blickte das böse Gesicht wieder vor sich hin, und ich ging weiter. Es war wieder ein solches Schweben, dass ich mich nicht sah, sondern nur das Ufer sah, und da war ein Knabe, er war erst so schön, so verlockend, vielleicht zum Verlieben, dachte ich, so ein Knabe-Jüngling, er hatte etwas wirklich Verführerisches, ich schaute und schaute, ich hörte nicht auf zu schauen, als wollte ich doch genau wissen, ob dieser Knabe-Jüngling mir etwas bedeuten könne. Der Knabe begann sich zu drehen, und während des Drehens formierte er sich in andere Gestalten, er mutierte in das, was hinter seiner Erscheinung war, und da sah ich, dass es etwas Böses war, etwas Feindliches, dem ich mich nicht nähern durfte. Und dann wieder weiterschwebend mein Blick sah ich eine Frau mit sehr langem Haar, sie schien sich zu kämmen, es war wie eine Lorelei, so schön, so wunderschön, so anziehend, doch da wusste ich gleich, es sei etwas Gefährliches und dass ich mich dem nicht nähern dürfe, da war erst gar nicht das Verlangen oder die Versuchung. Und weiter schaute ich, schaute in eine Seitengrotte, die sich höhlenartig öffnete. Das Wasser des Stromes sich überall verteilend, und am Ende dieser Höhle war mittig eine Insel. In dieser Höhle war ein flimmerndes Licht, das kam von einem vielleicht zwei Meter hohen riesigen Diamanten, so flimmernde, schillernde und bewegliche Lichtstrahlen, funkelnd in alle Richtungen, Energie ausendend, die Luft dort war flirrend und vibrierend von dieser Strahlung des Diamanten. Ich schaute hin, schaute auf das Licht, auf diesen riesigen Diamanten, und ich wusste, das ist der Gral, das ist der Gral, da ist der Gral, und eben im gleichen Moment wusste ich, vom Flirren des Grals darf ich nicht getroffen werden, kein funkelnder Lichtstrahl des Grals darf auf mich treffen, warum, das wusste ich nicht, ich wusste nur, mich darf das Leuchten des Grals nicht treffen, es würde mich töten, und ich sah mich verstecken hinter einem Felsvorsprung. Aber ich war so neugierig, und ich war auch so mutig, denn ich hatte auf den Reisen vorher gemerkt, dass ich die Bilder zerstöre durch meine Angst, und ich brauche keine Angst zu haben - so habe ich geglaubt, ich hatte gemerkt, wie oft ich abblocke durch Angst, ich wollte an alles glauben, was ich sehe, wollte nicht zurückschrecken vor scheinbar Unglaubwürdigem, also versteckte ich mich hinter einem Felsvorsprung, und ich dachte, ich bräuchte ein farbiges Visier, um nicht geblendet zu werden vom Gral, und da schob sich vor mich ein grünliches Visier. Der Gral ist einfach zu schön, so dass eines Menschen Auge den Anblick des Grals nicht erträgt, irgendso was. Jedenfalls war da also ein grünliches Visier, und ich schaute durch und schaute immerzu zum Gral und versuchte zu erkennen, was daneben noch sei, denn da war noch was, wie ein Schatten oder so, aber ich konnte es nicht richtig ausmachen, was es sei, und da sah ich so etwas wie ein dickes Frauenbein, nur den unteren Teil des Beines sah ich, das Knie, die Waden, den Fuß. Dieses Bein war wie ein Symbol der Wolllust, der Ekstase, der brodelnden Wolllust, des In-sich-Genießens, und ich wollte es gar nicht glauben, es passte irgendwie nicht zu meinen Vorstellungen, ich hatte wohl eher an etwas Heiliges, an etwas ganz Hehres geglaubt, und ich wollte nicht richtig daran glauben, dass um den Gral herum ein Zentrum der Wolllust, der Sinnlichkeit, der Begierde sei, und jetzt, wenn ich es so schreibe, bin ich auch schockiert, der Gral als die absolute Konzentration, nein, als der Quell eines permanenten Orgasmus, irgendso was, der Gral, die Quelle oder die absolute Hochspannung, die permanente Vibration in Wolllust.
Ich konnte es nicht fassen, was ich sah und was ich nun hätte glauben müssen, ich konnte es nicht richtig annehmen, und nun kamen Bilder, Bilder über Bilder, die mich überströmten, so ständig, so ohne Ende, fotografisch genau, es hätten mit der Kamera gefilmte Bilder sein können. Es war eine freie Landschaft - ein riesiger breiter Fluss, wohl vom Gebirge kommend, Menschen im Fluss, die fortgeschwemmt wurden, die sich mühsam ans Ufer schleppten, ihr Hab und Gut im Strome dahin schwimmend, Gesichter, die sich abgefunden hatten mit diesem Schicksal. Es waren asiatische Menschen, dann eine weite Sandebene, schwarzhäutige Männer mit sonnenschützenden Hüten, die in endloser Mühseligkeit dahin lebten, und dann eine Frau, eine sehr schön gekleidete, vielleicht mondän gekleidete Frau, es war wie in einer Burg, sie stand hinter einem Mauervorsprung, sie stand, als lauere sie auf etwas und müsse sich gleichzeitig verstecken. Sie war auf Beute aus, um ihre Weiblichkeit zu nähren, dazu zeigte sie sich und versteckte sich, zeigte und versteckte sich - ein unendliches lauerndes VersteckSpiel, und da durchzuckte es mich, dass all diese Menschen, die ich sehe, dass dies Tote seien, Menschen der Unterwelt, und ich sehe ein Ausschnitt ihres Lebens noch vor ihrem Tod, der Ausschnitt, in dem sie für Ewigkeiten verfangen sind. Das dachte ich, und ich war erschrocken, dass es so sein sollte, ich war fassungslos, und es machte mich müde und schlaff.
Dann war ich wieder in der Höhle, in der riesigen Grotte, muss ich sagen, ich sah noch mal all die Dinge, aber nur kurz. Ich weiß nicht, war es der Rückweg, oder war es nur mein Bemühen, mir alles nochmal einzuprägen, es war schlimm, ich brauchte mich nur erinnern zu wollen, und schon erstanden die Bilder wieder mit einer solchen Präzision, aber sie waren dann nur flüchtig, und ohne den vorherigen Erlebnisablauf für mich. Ich denke schon, es war mein Rückweg, und ich wollte schlafen, war so sehr müde, stand auf, konnte das Gesehene nicht richtig in meinen Kopf bringen, rauchte, versuchte wieder zu schlafen, immer kamen Bilder.

Jetzt denke ich, es waren die Traumgesichte von Toten. Ihre Seelen waren entweder gefangen in den letzten Augenblicken ihres Lebens, oder sie lebten im Tod fortwährend das, was sie während ihres Lebens für den Inbegriff ihres Lebenssinnes hielten.
Beim Gral weiß ich nicht - er ist er keine Realität in der Materie, aber eine um so heftigere Realität in der Welt der Geister. Soll seine Energie das Zentrum ekstatischer Wolllust sein, oder ist dieses Zentrum um ihn herum etwas, was die Menschen in ihrer Gier nach dem Gral als energetisches Feld aufgebaut haben? Oder ist der Gral, umlagert von Geilheit und Begierden der Seelen, die auch zu irdischen Lebenszeiten nichts anderes gelebt haben, nur eine Projektion dieser Menschenseelen?

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